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13. März 2010

Leitartikel

Klassikkonzerte: Im Prinzip nicht unsexy

Musiker müssen in Zukunft mehr können als nur gut spielen

Sie gelten als Fossil. Klassikhörer müssen heute Witze über sich ertragen können. Etwa den: Der Radiosender BR-Klassik sei eines der wenigen Programme, scherzen Insider mit Blick auf die Einschaltquote von drei Prozent, bei denen sich die – betagten – Hörer persönlich kennten. Damit nicht genug. Wird das Klassikpublikum in den nächsten 30 Jahren um mehr als ein Drittel zurückgehen, wie jüngst eine Studie des Friedrichshafener Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle behauptet hat? Und was passiert dann mit der immer noch stattlichen Zahl von 133 Kulturorchestern in der Republik, deren Einzigartigkeit sich indes nicht nur an der Quantität, sondern auch an ihrer Qualität festmachen lässt?

Immerhin, das Thema lässt nicht kalt. Weit über 100 Reaktionen verzeichnete der Internet-Blog beim Onlineportal Fudder bislang zur Frage: "Warum besucht ihr eigentlich so selten ein Klassikkonzert?" Und vielleicht bringt "Pantoffeltier" das Gros jugendlicher Reaktionen auf den Punkt, wenn er/sie schreibt: "ich höre gerne klassische musik. aber mir ist das zu teuer eine karte zu kaufen. und das publikum, das um einen herumsitzt, ist zwischen 80 und scheintot und von daher nicht gerade ansprechend für mich. . ." Will heißen: Klassik, im Prinzip nicht unsexy, aber zu teuer und zu alt und steif das Ambiente. Das ist im Prinzip auch Tröndles These: Wir müssen das Konzert verändern, wenn wir es erhalten wollen.

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Doch wie bei allen scheinbar einfachen Lösungsvorschlägen verhält es sich auch mit diesem reichlich kompliziert. Was soll denn nun genau verändert werden? Jeans und T-Shirts statt Fracks für die Musiker? Mozart in der Disco statt im Konzerthaus? Beethoven mit sattem Synthi-Beat, damit es ordentlich wummert? Konzerte nach Altersgruppen – am Montag die 15-bis 25-Jährigen, Sonntag Nachmittag die Ur-Oldies? Abgesehen davon, dass nichts so kurios klingen kann, als dass es nicht schon ausprobiert worden wäre, bleibt immer noch die Frage nach der Effizienz. Denn die Kontroversen überspannen die Generationen. So manche Fudder-Blogger-Zuschrift macht hellhörig, wenn da das Konzert als Ort der Ruhe abseits des Alltagskraches gepriesen wird. Und wer Klassik mag, will sie auch genau so hören, wie sie komponiert worden ist. Andere Musikrichtungen gibt es ja zuhauf.

Richtig ist: Der Pluralismus der multiethnischen Gesellschaft hat seinen Niederschlag in einem Kulturpluralismus gefunden. Selbst konservative Politiker haben längst die Forderung nach einer Leitkultur begraben und sprechen stattdessen vom Wertekonsens. Der scheint den Bereich Klassik durchaus noch zu beinhalten, das lässt sich nicht nur durch Umfragen untermauern, sondern zeigt sich auch in vielen Kommentaren der Diskussion bei Fudder. Was fehlt, ist scheinbar oft nur der letzte Kick bei jüngeren Leuten, um sich dem Kuriosum Klassik anzunähern. Oder das Geld? Es ist Legende, dass Klassik teuer sein muss, jedenfalls nicht teurer als so manches hochkarätige Rockkonzert.

Die Frage ist, welche Schlüsse Politiker aus derlei Studien und Reaktionen ziehen. Stichwort: Subventionen. Von den Musikern der Zukunft wird sicher mehr denn je neben spielerischer Brillanz Kreativität und Kommunikationsfähigkeit verlangt werden. Brahms oder Mahler "nur" exzellent zu spielen, wird nicht mehr reichen. Es bedarf neben des Marketings auch des intensiven Dialoges: Schaut her, auch ein Geiger kann ein ganz normaler Mensch sein. Im Ausland, zumal im asiatischen, hat es die Klassiknation Deutschland derzeit einfacher. Wer gesehen hat, wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker nach einem Konzert in Taiwan von Abertausenden von Menschen aller Altersklassen unter freiem Himmel umringt und umjubelt wurden, fragt sich eigentlich nur eines: Könnte so etwas in Deutschland nicht auch eines Tages wieder möglich sein?

Autor: Alexander Dick